Freitag, 26. September 2025

"Into the dark, into the cold, into the blue"- im September mit dem Fahrrad von Berlin an die Ostsee

17 Tage Radtour, aus Berlin raus nach Rostock/Warnemünde/Ostsee und weiter über den Darß nach Stralsund, von dort mit der Bahn zurück. Im September 2025. Wie immer ohne Smartphone oder Navi, only Papier, Wegweiser und nach dem Weg fragen.
Ich habe nicht versucht die Schönheit der Natur, wie ich sie erlebt habe, festzuhalten, vor allem um nicht ständig anzuhalten. Ich ließ die Räder rollen und es rollte meist sehr gut.
Die Fotos sind also MEER-TourAlltag, interessanter erscheint mir der Text dazu.
9 Tourtage von etwa 55-60 km, 8 Ruhetage an denen ich das Zelt stehen ließ, insgesamt etwa 600 km.
Lass rollen!
Tag 1

8 Uhr, Weckerklingeln, aufstehen, Klo, Zähneputzen, Cafè und Zigarette. Rest Gepäck zusammenpacken, Wohnung klar Schiff machen und erstmal das ganze Gerät zwei Stockwerke herunterschaffen. Wie immer bin ich wieder überrascht, wie schwer alles zusammen geworden ist, aber so ist das bei mir- nur das für mich Nötigste, keine Zweifel aber Aufregung.
Um 1100 Uhr starte ich, schwinge mich auf mein Bike und muss mich erstmal an das Fahrgefühl mit grossem Gepäck gewöhnen. Später werde ich das Fahren mit Gepäck genießen, denn wenn es mal rollt, rollt es sehr angenehm und ruhig. Durch die Vorderradtaschen ist alles gut ausgewogen.
Zunächst geht es durch die Stadt, da muss ich erstmal durch und raus, das ist das erste Ziel des Tages. Das funktioniert gut. Erst ausserhalb zwischen Tegel und Oranienburg, an der Havel finde ich nicht den richtigen Weg und verirre mich. Ein Pärchen auf E-Bikes nimmt mich schließlich freundlich in Schlepptau und setzt mich auf die richtige Fährte. 
Meine Beine sind gut, aber, wie ich schon im vorhinein erwartet hatte, gibt es auf der ersten Etappe keinen Campingplatz. Lange fahre und fahre ich durch den Wald immer in der Nähe der Havel, Oranienburg schon deutlich hinter mir gelassen und suche einen Platz für die Nacht. Schließlich finde ich eine sehr schöne grosse Wiese mitten im Wald. Was ich total unterschätzt hatte war, wie eklig es ist sich nach einem Tourtag nicht den Schweiss und Staub vom Körper spülen zu können. Ich klebe und bin schmierig und dann sind an diesem hübschen Ort unfassbar viele Mücken zu Hause. Es ist scheisse, ich werde innerhalb kürzester Zeit komplett zerstochen und sehe noch tagelang aus wie ein Streuselkuchen. Ich muss an kriegerische Drohnenschwärme denken. Auch Ansätze von leichten Beinkrämpfen kommen beim Sitzen vorm Zelt noch dazu. Nur dass ich die Mücken durch das geschlossene Innenzelt nicht in meinen Schlafbereich lasse, macht die Nacht nicht zur Totalkatastrophe. Nachts beginnt dann noch der Regen.
Tag 2

Ich erwache und es regnet. Ich packe innerhalb des Zeltes meine Packtaschen, baue das äusserlich nasse Zelt ab und mache mich, Bike und Gepäck wetterfest. Es rollt wieder, es ist warm genug und trocken. Erster Stresstest soweit bestanden, aber richtig wohlfühlen werde ich mich erst, wenn ich irgendwann Zähne putzen und mich waschen kann.
Ich passiere schon bald Zehdenick und hoffe am Ende des Tages auf einen Campingplatz. Bingo, der auf meiner Karte von 2014 eingezeichnete Platz in Seilershof existiert, klein, total entspannt und direkt an einem schönen See gelegen. Das nasse Zelt ist nach dem Aufbau innerhalb sehr kurzer Zeit wieder trocken. Anbaden 2025! Ein Urlaub ohne Schwimmen ist möglich aber sinnlos. Das bewahrheitet sich seit Jahren und immer mehr. Endlich von Dreck und Schweiss befreit ist der zweite Abend schon ein schöner und gemütlicher. Ich fühle mich wieder menschlich. Mein erstes Bier zischt schon um 1736 Uhr, aber um 2000 Uhr beginnt ja jetzt Anfang September auch schon die Dunkelheit.
Ich bin mir noch nicht im Klaren wie meine Beine auf Dauer auf die ungewohnte Belastung reagieren. Ich versuche gut auf meinen Körper zu hören und auf mich aufzupassen.
Tag 3

Um 0815 Uhr erwache ich, nach zwei Tourtagen mache ich heute den ersten Ruhetag, ich möchte mit dem Fahrrad ohne Gepäck nach Gransee, da gibt es einen Supermarkt, mein täglich Bier gib mir täglich frisch und nachdem ich mich bisher fast nur von Käse- und Wurstbrot ernährt habe, kaufe ich mir auch noch Vitamine in Form von Saft. Es ist ein Sommertag, herrlich! Nach einem schönen Tag noch in den See springen, schwimmen- gut! Schon um 1638 Uhr mache ich mich vor dem Zelt mit Bierchen breit, morgen solls weitergehen.
Tag 4

Die Sonne scheint, Zähne putzen und erstmal ein heisser Cafè mit meinem kleinen und sehr leichten Esbitkocher. Der, sowohl der Kocher als auch der heisse Cafè, ist goldwert. Entspannt packe ich meine trockene Ausrüstung zusammen und mache mich um 1000 Uhr auf den Weg. Manches erinnere ich von meiner Tour 2014 und erkenne ich wieder: Das kleine Örtchen Himmelpfort, wo der Weihnachtsmann sein Postamt hat und die Welt noch in Ordnung ist, danach als krasser Kontrast das Konzentrationslager Ravensbrück, dann das kleine freundliche Städtchen Fürstenberg/Havel, weiter nach Wesenberg, Campingplatz Havelberge am Woblitzsee. Ich kann mein Zelt direkt bei den Wasserwanderen am Wasser aufschlagen und bin ein wenig wehmütig, weil ich auf dem gleichen Platz an gleicher Stelle vor einigen Jahren auch schon mit Jonny unser Zelt stehen hatte. Ich kann auch hier schwimmen gehen. Ein langer Tag, 1937 Uhr Bierchen, gleich wirds schon dunkel, morgen gehts schon weiter, wieder zwei Tourtage in Folge.
Tag 5

Wetter ist leicht feucht und durchwachsen. Um 1120 Uhr gehts mit leichter Verspätung los. Heute steht hoffentlich eine der grossen Etappenziele der gesamten Tour an. Waren an der Müritz. Für mich beginnt bei Waren das "Ostseeland", vorher strahlt noch die Stadt Berlin, ab Waren strahlt die Ostsee! Es ist eine sehr lange Etappe, ich hatte die Anzahl an Kilometern ein wenig unterschätzt. Trotzdem ist es ein Glücksmoment in Waren anzukommen. Ich habe mittlerweile Vertrauen in Körper und Beine, das kleine Zwicken im linken Knie, ein leichtes Ziehen in der rechten Wade und der täglich nach einer Zeit des Fahrens wiederkehrende stechende Schmerz im Nacken sind kaum der Rede wert und werden mir nicht das Genick brechen.
Auch diesen Campingplatz kenne ich von meiner ersten Tour 2014 und fühle mich wohl. Im modernen Sanitärbereich mit warmer Regenschauerdusche fühle ich mich wie bei "James Bond jagt Dr. No" auf der radioaktiv verseuchten verbotenen Insel im  Dekontaminationsbereich- so sauber war ich nie! Vielleicht habe ich auch gerade die letzten Reste toxischer Grossstadt abgewaschen. In der Dunkelheit um 2038 Uhr darf ich Feierabend machen, "zisch!".
Tag 6

Etappenziel Waren an der Müritz gestern erreicht und wieder zwei Tourtage in Folge gefahren gönne ich mir heute einen Erholungstag mit Bike in Waren. Auch hier war ich schon mit Jonny- "Ach Jonny!". 
Es gibt drei Dinge, die ich erstmals auf einer Tour dabei habe und die mir so richtig Spass bringen:
1. Fahrradhelm- schützt vor Regen und Sonne, wärmt und ist wie ein mobiles Dach über dem Kopf
2. sehr leichte Picknickdecke mit Schutzfolie an der Unterseite- gibt dem Zelt Wohnzimmerathmosphäre, schützt den Zeltboden vor Zigarettenfunken, wärmt und ist kuschelig, sieht super aus
3. Esbitkocher (für Cafè)- klein, leicht, schenkt mir einen heissen Cafè am Morgen und hat Feuer das Spass macht
Nach der Rückkehr aus Waren gehts noch eine Runde schwimmen. Morgen ist Sonntag und ich bleibe noch einen Tag länger. Abends bekomme ich noch ein Pärchen mit Geländewagen und Dachzelt als direkte Nachbarn. Bei meiner Weiterreise am Montag werde ich den Beiden nach schönen und spannenden Gesprächen in der Zwischenzeit den Titel "Lieblingsnachbarn" verleihen.
Tag 7

Sonntag, nochmal mit dem Bike in Waren, schwimmen. Und dann hab ich noch eine Idee, die ich sofort abfeier: Nur den Oberlippenbart rasieren, gibt mehr Luft, sieht gepflegt aus und ist einfach geil! "Zisch" um 1714 Uhr. Was mir mein Popo extrem dankt sind übrigens meine Radlerhosen und wie ich auf bisherigen Touren auf Gummibärchen verzichten konnte ist mir auch zunehmend schleierhaft. Die sind genauso wichtig wie Erdnüsse en masse.
Tag 8

Montagmorgen, es geht nach zwei Ruhetagen endlich weiter. Nach dem Verlassen der Stadt am ersten Tag und am Freitag das Erreichen von Waren an der Müritz habe ich schon zwei Ziele der Tour erreicht. Aber ich hab ja noch einiges vor.
Bisher sind die Radwege top, das Fahrrad rollt hervorragend, die Radwege führen durch wunderschönste Natur an viel Wasser entlang und ich hatte kaum Berührungspunkte mit vielen Autos oder anderen hässlichen Stressfaktoren.
Jetzt stehen wieder zwei Tourtage in Folge an. Um 1053 Uhr gehts los.
Ich erreiche Nachmittags das Tagesziel Krakow am See, trinke einen schönen Cafè mit Blick auf den See und mach mich auf zum täglichen Supermarkteinkauf. Ich spinne ein wenig und kaufe eine fertiggegarte und vakuumisierte Schweinshaxe im Pappkarton für den späteren Abend. Ich sag mal so, besser als McDoof aber schon pervers!
Ich bin zunächst alleine auf der Zeltwiese des Campingplatzes, gehe eine Runde schwimmen, später gesellt sich noch ein weiterer Radtourenfahren mit Zelt dazu. Immer wieder spannend die Geschichten anderer Reisender zu hören und sich auszutauschen. Wir sind schon ein buntes, abenteuerlustiges Völkchen.
Meine erste Schweinshaxe, kalt, aber das Fleisch fällt zart vom Knochen und inklusive der ausgetretenen Gelatine gibt sie mir bestimmt die Power die ich für die weitere Tour brauche.
Im Austausch mit Menschen die mir so Tourtagtäglich begegnen habe ich mir ein paar Zitate notiert:
1. "Kiffen macht müde."
2. "Mit dem Fahrrad ist man frei."
3. "Woanders ist auch scheisse."
Bevor ich mich zur Ruhe lege lasse ich noch einen Rest Haxe für den nächsten Tag über. Noch ein paar Erdnüsse und Gummibärchen und Gute Nacht!
Tag 9

Auf dieser Tour kann ich mal einiges aus meiner Tourausrüstung nutzen, was ich bisher nie nutzen musste: Kabelbinder, Paketschnur als Wäscheleine, Fahrradlampen, Pflaster, Fahrradwerkzeug und -Pumpe, Handschuhe. Auf Wäscheklammern konnte ich nie verzichten, ganz wichtig, 6 Stück! Auch meine knapp bemessene Kleidung schöpfe ich bis auf ein paar warme Strümpfe voll aus, muss aber schon alle zwei Tage Shirt, Unterhose und auch Handtuch mit der Hand waschen und trocknen- Wäscheklammern!
Alles wieder zusammengepackt, aufs Rad geschnallt und um 1055 Uhr gehts los. Als ich bei schönem Wetter Güstrow erreiche habe ich schon ein ganzes Stück des Tages geschafft, der Lärm und die Hektik des Autoverkehrs fällt mir aber sofort unangenehm auf, ich bin froh als ich wieder raus bin und weiter über einsames, weites Land radle.
Es ist ein besonderer Tag, denn Ziel soll eine kleine Landkommune sein, deren Sommerfest ich 2015 und 2017 besuchen durfte. Ich hatte diesen Ort damals als so fröhlich, friedlich und naturverbunden erlebt, dass ich oft an diese Erlebnisse zurückgedacht hatte. Mein Plan war einfach zu fragen ob ich für 2-3 Nächte mein Zelt dort aufstellen dürfe ohne jemanden zu stören oder weiter aufzufallen.
Ich kannte den Weg noch gut, in Bützow am Supermarkt die Landstrasse sozusagen nach links. Diese scheiss Landstrasse, immer stumpfsinnig geradeaus, blöder Autoverkehr brachten mich dann aber doch etwas an die Nervengrenze, es zog sich endlos, ich begann an der Richtigkeit des Weges zu zweifeln und ich wusste ja auch nicht wie die Bewohner auf mich reagieren würden.
Ich durfte bleiben und ich spürte gleich, dass es wie in meiner Erinnerung ein besonderer Ort war. Zelt aufbauen und nach einer kalten Dusche aus dem Gartenschlauch mit Handbrause war ich angekommen im Paradies. Um 1922 Uhr zischt das warme Dosenbier, gleich wirds schon wieder dunkel.
Tag 10

Eigentlich ein ganz normaler Ruhetag, aufstehen, Zähne putzen, Plumpsklo!, Cafè kochen, Zigarette rauchen, Wäsche waschen, dies und das und aufs vom grossen Gepäck befreite Radl geschwungen. Ziel heute eine grosse Runde mit See, Frühstück und abschließend noch Supermarkt. Anfangs verfahre ich mich ordentlich und ich muss einen Weg fahren der alles von meinem Bike und mir abverlangt- Rennraduntauglich! Und zum Ende der Tagesrunde dann "Ahrg!", wieder diese scheiss lange, graue Landstrasse. Schließlich aber wieder im Paradies, eine kalte Dusche im Freien und vors und ins Zelt kuscheln. Bierchen gibts schon um 1704 Uhr. Das ist wirklich der perfekte Ort, um komplett runterzukommen.
Ich gebe zu, meine Beine waren heute wie Blei, aber morgen habe ich einen weiteren Tag zum regenerieren.
Tag 11

Ja, so ein Plumpsklo ist man als Wohnungsmensch nicht gewohnt, aber wenn man sich einmal niedergelassen hat, soll heissen sich darauf eingelassen hat, möchte man gar nicht mehr runter!
Auch heute wieder eine grosse Tagestourrunde, diesmal die andere Richtung, auch mit See zum Schwimmen, danach Frühstück. Heute keine Irrwege, dafür eine nette Plauderei mit einer älteren Frau an einem Selbstbedienungsstand mit allerlei Gemüse und Obst am Rande der Strasse. Ich hatte das Wetter unterschätzt, keine Regenjacke dabei und es schlug um. Auf dem Rückweg, die hässlich graue Landstrasse von der anderen Seite fahrend, wurde ich ordentlich durchnässt, aber mein Kopf blieb dank Helm mit Regenüberzug und darunter wärmender Mütze warm und trocken. Zurück fand ich in der grossen Scheune noch eine alte Spur von mir selber: Eine Strichliste auf Holz vom Sommerfest 2017, wo mein Name und die Menge an von mir konsumierten Bier festgehalten war. Ich kann mich noch erinnern, dass die Anzahl der Striche nicht meinem tatsächlichen Konsum entsprochen hatte, da musste jemand auf meine Kosten mitgetrunken haben. Heute gibts um 1738 Uhr Bier! Die kalte Freiluftdusche spare ich mir heute, das Schwimmen im See und der Regen müssen heute bei anhaltendem Regen reichen.
Tag 12

Der Brennstoff für meinen Esbitkocher war knapp geworden und ich hatte gestern stattdessen Grillanzünder im Supermarkt besorgt. Das Experiment funktioniert nicht auf Anhieb perfekt, aber das Potential zum Kochen eines heissen Morgencafès ist deutlich zu erkennen.
Es ist ein schöner sonniger Morgen, die grosse Wiese ist nass vom Morgentau und ich packe wieder einmal meine Sachen zusammen. Ich mache mir keine Illusionen, Paradies ist zum Genießen da, aber nix auf Dauer. Ausserdem ist heute schon das nächste grosse und vielleicht das wichtigste Ziel meiner Reise anvisiert. Ich habs ja "mit dem Fahrrad von Berlin an die Ostsee" genannt und heute solls dann auch bis hin zur Ostsee gehen. Ja, ja, erstmal wieder meine liebe, graue, lange, triste Landstrasse, um auf meinen (Rad-)Weg zurückzugelangen. Kurze Irrung in Bützow dann aber wieder in der Spur übers schöne weite Land Richtung Rostock, Richtung Norden.
Nach zwei Ruhetagen und am ersten davon mit bleierenen Beinen rollt es wieder sehr entspannt. Ich hatte schon geplant bei Ankunft in Rostock die Bahn vom Hauptbahnhof nach Warnemünde an die Küste zu nehmen. Ich war ja schon komplett aus Berlin herausgeradelt und wollte mir die Irrung durch die Stadt Rostock ersparen. Geplant, getan.
In Warnemünde die kleine Fähre über die Bucht nach Hohe Dühne und die Küste und den grossen Bundeswehrstützpunkt entlang Richtung Osten auf den Campingplatz Markgrafenheide. Das ist nicht weit. So wie 2014 und auch in Folge noch ein paarmal, auch mit Jonny!
Es gibt schönere Plätze, zumal wenn man gerade aus dem Paradies kommt, aber ich bin direkt am Wasser und nach einem Ruhetag in Warnemünde solls ja übermorgen auch schon auf den Darß gehen- Darß!!
Bierchen gibts schon entspannt um 1733 Uhr, allerdings erwischt mich beim Anschalten meines Handys etwas später ein sehr unerfreulicher Anruf eines alten Freundes. Ich sag dazu nur: "Klar kannste Dich mal melden, halt nur nicht bei mir!" Und: "Fahr zur Hölle, Andrè K.!"
So beginnt die Nacht und morgen gehts weiter.
Ach, jetzt hab ich doch vor Ärger vergessen:

ICH HABS GESCHAFFT, ICH BIN WIEDER AM MEER, ICH BIN WIEDER AN DER OSTSEE!!!
-sozusagen zu Hause-
Tag 13

Ein Ruhetag in Rostock Warnemünde, endlich schwimmen in der Ostsee, FKK!, gemütliches Schlendern über die Promenade, ich finde nach dem gestrigen kleinen, unerfreulichen Zwischenfall am Abend eine grosse innere Ruhe. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich nach den fast 9 Monaten des langsamen Abschiednehmens meines geliebten Hundes Jonny und der damit verbundenen psychischen Belastung dieses Jahr doch nochmal den Sprung raus aus dem Alltag und der grossen Stadt gefunden habe. Wie sagt man, wenn Du vom Pferd fällst, sollst Du gleich wieder aufsteigen und nicht anfangen erst lange darüber nachzudenken.
JONNY, ICH LIEBE DICH!!
Es zischt um 2006 Uhr.
In der Dämmerung gesellt sich noch ein Vater mit seiner kleinen Tochter in einem gut erhaltenen, sehr hübschen Wohnwagen aus den 90er Jahren in meine Nachbarschaft. Wir quatschen noch kurz, bevor ich mich in mein Zelt zurückziehe.
Tag 14

Der Tag beginnt, kaum aus dem Zelt herausgekrochen, mit einem grossen dampfend heissen Becher süssen Zitronentees, den mir mein Nachbar in die Hand drückt. Ich bin komplett überrumpelt, aber auch total gerührt und dankbar. Lecker und tut das gut!! 
Aufbruch zum Darß. Es rollt zunächst an der Küste entlang Richtung Osten bevor es über Wustrow und Ahrenshoop auf den Darß geht. Diese Etappe ist so wunderschön und abwechslungsreich, dass ich es weder mit Fotos noch jetzt vom berliner zu Hause aus mit Worten versuche zu beschreiben. Das muss sich jeder selbst vor Ort anschauen!
In Born am Darß, das am Bodden liegt, mache ich einen kleinen Cafèstop. Auch hier war ich schon einmal 2015 mit meinem Fahrrad zu Gast, als ich auf dem Weg nach Rügen war. Ein sehr schöner entspannter Ort mit Surfschule und Naturcampingplatz.
Es ist Sonntag und ich gehe noch vor 1800 Uhr einkaufen im Supermarkt in Prerow bevor ich entspannt zu meinem Ziel Zingst immer geradeaus über den Deich rolle.
Es ist ja(fast) Nachsaison und so bin ich auch auf diesem Campingplatz zunächst alleine auf der Zeltwiese. Ich genieße das. Der Sanitärbereich ist extrem gepflegt, das macht Spass und ich könnte sogar ohne weitere Kosten Hallenbad, Sauna und Fitnessbereich nutzen, aber ich springe dann morgen und übermorgen lieber in die Ostsee, Meer brauch ich, sonst nix, und eine warme Dusche hinterher.
Gestartet bin ich heute mit dem Bike um 1102 Uhr, mein Bierchen zischt um 1946 Uhr, aufgestanden bin ich allerdings schon mittels Wecker um 0800 Uhr. Klassischer Tour(All)tag!
Tag 15

Zum dritten mal Montag. Heute und morgen will ich den Darß genießen, in vollen Zügen. Während es gestern noch mäßig windig war, setzt heute ein Sturm ein, der bis zu meiner Weiterreise am Mittwoch nicht mehr nachlassen soll. Das ist so strapaziös wie an einer Autobahn zu wohnen, aber naturgemacht und gesund. Ein Tag fühlt sich an wie drei, aber danach ist man komplett durchgeblasen und runderneuert. FKK-schwimmen in der frisch kühlen Ostsee- einfach nur geil! Warme Dusche und ins Zelt kuscheln- auch eine Form von Paradies. Ja, es gibt nicht nur ein Paradies auf dieser Erde und auch nicht nur eine Form von Paradies. Und: Alltag ist anders...
Tag 16

Weiter Sturm, durchwachsenes Wetter, aber trotzdem springe ich in die kalte Ostsee, wichtig ist die warme und kuschelige Kleidung hinterher. Geil!
Tag 17

Ich starte in den Tag des Abschieds vom Darß mit der nicht getroffenen Entscheidung, ob ich auf dem Weg nach Stralsund noch ein oder zwei Nächte auf einem Campingplatz auf dem Festland verbringe oder heute noch komplett nach Stralsund und von dort mit dem Zug nach Berlin durchfahre. Ich rolle erstmal um 1053 Uhr los. Zunächst macht es mir der Sturm schwer. Das ändert sich im Laufe des Tages und schließlich trägt mich erstmals der Rückenwind wie auf Flügeln. Es ist die subjektiv schönste Etappe der ganzen Tour: Immer am Wasser entlang, komplett einsam, nix als blau und grün, 360° Rundumblick ins Weite in die Ferne, nur mein Fahrrad, ich und die pure Natur.
Es ist jetzt klar, ich lass bis Stralsund rollen, also nochmal eine ganze, die 9. Touretappe mit Gepäck und von 50 bis 60 km. Ein würdiger Tourabschluss.
Kurz vor Stralsund gerate ich aus versehen an den Rand eines grossen Bundeswehrstützpunktes und mir kommt eine ganze komplett unifomierte Einheit im Gleichschritt entgegen, was mich gruseln lässt. Ich finde wieder auf den richtigen Weg, aber auf dem Weg begegnen mir noch bis kurz vor der Stadt kleine joggende Einheiten in Sportuniform. So macht jeder seinen Sport, aber ich in zivil und ihr im Gleichschritt und uniformiert. Pfui!
Es beginnt etwas zu regnen und ich fahre durch die Stadt zum Bahnhof. 1615 Uhr komme ich dort an und verpasse den Zug, wollte aber sowieso erstmal Cafè und Kippe. Der 1701er fällt aus und ich verbringe entspannt nach gefahrener Etappe die Zeit bis 1816 Uhr. 15 Minuten Verspätung und es kann losgehen. Der Zug holt die Verspätung wieder ein und wir kommen um 2121 Uhr pünktlich in Gesundbrunnen an. Ich lasse es mir nicht nehmen mich ein letztes mal auf meinen Packesel zu schwingen und mit Fahrradbeleuchtung durchs dunkle Berlin nach Hause zu rollen. Erst die Gepäcktaschen ins zweite Stockwerk, dann das Fahrrad, klappe zu. Ich bin nach 17 Tourtagen etwa um 2200 Uhr zurück in meiner Wohnung. Ich tue das nötigste und das ist vor allem eine Dusche zu nehmen. Um 2327 Uhr falle ich mit Bier auf meine Couch- alles nur ein Traum??
-JETZT KANN DIE ZUKUNFT KOMMEN-